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Ethikrichtlinie

Grundlegende Anschauungen für meinen Yogaunterricht

Meine Generation ist die erste in Deutschland, die über weitestgehende materielle Sicherheit und Freiheit verfügen konnte. Und so werden zunehmend den Menschen unserer Kultur fremde Verfahrensweisen bekannt und praktiziert. Ich bin der Ansicht, dass diese Techniken nicht einfach unhinterfragt und unbereinigt übernommen werden dürfen. Yoga entspringt nämlich nicht nur einer uns fremden Kultur, sondern zusätzlich noch einer uns fremden Bewusstseinsstufe: der magisch-mythischen Struktur.

Yoga ist trotzdem in einer freiheitlichen Struktur möglich und auch sinnvoll. Allerdings müssen dazu die grundlegenden Anschauungen des Yoga aufgeklärt und demokratisiert vermittelt werden. Und durch die in unserer Kultur garantierte Religionsfreiheit müssen religiös begründete Anschauungen des Yoga übersetzt und in neutraler Form angeboten werden. Nur mit diesem Hintergrund ist Yoga verantwortungsbewusst vermittelbar.

Das Unterrichtskonzept beruht auf den nachfolgenden grundlegenden Anschauungen:

  • Yoga dient immer und zuerst der Gesunderhaltung des Menschen
  • Der Mensch ist grundsätzlich frei und wird als ein immerwährend Entstehendes gesehen.
  • Der Mensch ist eine Einheit aus Körper, Geist und Seele.
  • Der Mensch ist ein historisch geprägtes Lebewesen.
  • Alle nicht-physischen Anteile des Menschen beruhen auf energetischen Prinzipien.
  • Die Welt des Menschen gehorcht weder rein dualen noch linearen Gesetzen, sondern muss systemisch gedacht werden.
  • Meditation ist ein wesentlicher Bestandteil des Yoga

Yoga dient immer und zuerst der Gesunderhaltung des Menschen

Zur Gesundheit zählen neben den alltäglichen physischen Gegebenheiten auch die Abwesenheit von psychischen Krankheitsformen wie Stress, Stimmungsexzessen, Schlafproblemen und Ermüdungserscheinungen. Im Gegensatz zu westlichen Techniken ist im Yoga dem Erlernen von Entspannungsfähigkeit oberste Priorität einzuräumen.

Rechtzeitiges Bemerken von krankhaften Störungen ist der Schlüssel zum Erfolg. Wenn man einmal die anziehende Krankheit mit einem Hochwasser vergleicht und eine rechtzeitige Warnung voraussetzt, können umfassende Gegenmaßnahmen schwere Schäden verhindern. Die Bewusstheit bemerkt die heranziehende Gefahr rechtzeitig, die Entspannung leitet die Gegenmaßnahmen ein und die Vernunft schafft günstige Rahmenbedingungen. Das sind kurz gesagt die Motive der Krankheitsvermeidung und/oder deren Linderung, mit denen Yoga arbeitet.

Yoga arbeitet mit Körper- und Atemübungen, die eine sehr weitreichende Einwirkung auf das System Mensch haben können. Falsch angewendete oder falsch ausgeführte Übungen heben diese Wirkungen nicht nur auf, sondern können sie auch in ihr Gegenteil wenden. Es ist die herausragende Aufgabe eines Lehrers, die Übungen richtig weiterzugeben, ihre Gefahren darzulegen und für die richtige Dosis beim Üben zu sorgen.

Innerhalb des Yogaunterrichts und in den Übungsstunden treffen unterschiedlich strukturierte Menschen zusammen und üben in einem gemeinsamen Kontext. Dabei möchten natürlich alle mithalten können und in der Gruppe geachtet und anerkannt sein. Gruppendynamik ist hier das Zauberwort. Dabei wird sich häufig über das eigene Empfinden hinaus in Übungen eingelassen, die für die aktuelle Körperkonfiguration nicht geeignet sind. Hier muss der Lehrer eingreifen, zurücknehmen und für Transparenz dieser Maßnahmen sorgen können, um Kränkungen und Bloßstellungen Einzelner vor der Gruppe zu vermeiden.

Der Mensch ist grundsätzlich frei und wird als ein immerwährend Entstehendes gesehen.

Auch und besonders in Unterrichtssituationen besitzt jeder Mensch eine unantastbare Würde, die darauf beruht, dass er die Fähigkeit zur Freiheit besitzt, auch und besonders dann wenn er/sie dieses Recht gerade nicht in Anspruch nimmt. Daher ist auch das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler grundsätzlich von Würde bestimmt zu gestalten. Weiterhin ist der Mensch niemals als fertig, verwirklicht oder befreit anzusehen, sondern das Leben ist ein sich immerzu verändernder Prozess, dem sowohl Lehrer als auch Schüler unterworfen sind. Der aus der indischen Tradition stammende Guru-Gedanke, der bei einem Menschen, dem Guru nämlich, ein absolutes Wissen proklamiert, ist daher mit der aufgeklärten westlichen Lebenshaltung unvereinbar!

Wie aus den bereits gelesenen Zeilen unzweideutig hervor geht, lehne ich den Guru-Gedanken prinzipiell ab. Ablehnung erfahren daher auch die Praktiken, die diesen Gedanken voraussetzen. Da eine Vielzahl der Mantren z.B. eine Anbetungslitanei an einen Guru, Meister oder Gott darstellt, unterrichte und übe ich diese Yogaanteile nicht! Viele Anteile des Yoga entstammen religiös magischen Anschauungen. Dazu zählen auch asketische und fakiristische Lebensformen und Praktiken. Auch diese Anteile werden sich in meinem Unterricht nicht finden.

Der Mensch ist eine Einheit aus Körper, Geist und Seele.

Anders als in der christlichen Tradition geht Yoga von einer Einheit von Körper, Geist und Seele aus. Das Verhältnis der Anteile zueinander im Yoga ist mehr als eine Reihe von Polaritäten, also ein sich gegenseitiges Bedingen anzusehen. Die Wirkungen der Übungen beruhen im Wesentlichen auf dieser polaren Gestaltung. Allein in einem westlich dualen Anschauungssystem ist der Unterricht von Yoga daher nicht möglich. Sowohl Schüler als auch Lehrer müssen sich klar darüber sein, dass weder eine Übersetzung der Yogainhalte in westliches Gedankengut noch eine Lebensgestaltung aus westlicher Prägung heraus in der indischen Tradition gelingen kann. Beide, Schüler und ganz besonders der Lehrer, sind in der Praxis Grenzgänger zwischen unvereinbaren Kulturen und sollten sich dieser Eigentümlichkeiten beim Yoga üben bewusst sein.

Wir haben es im Yoga immer wieder mit Lehren und Schlussfolgerungen zu tun, die sich einem dual geprägten Begreifen verschließen. Yoga ist daher nicht als eine Wissenschaft im modernen Sinn, sondern mehr als eine Erfahrungswissenschaft zu begreifen. Um Yoga zu erlernen, bedarf es daher einer langjährigen Übungspraxis und Lehrern, die ebenfalls auf eine langjährige Übungspraxis zurückblicken können. Weiterhin können die indischen Lehren nicht 1:1 in ein westlich geprägtes Leben übernommen werden. Die Unterrichtsteilnahme erfordert daher immer auch ein Einlassen können in eine andere Welt, die danach auch wieder verlassen werden muss. Yoga kann daher niemals eine religiöse Prägung bekommen, sondern wird von mir immer nur als Leib- und Seelenarbeit angesehen.

Der Mensch ist ein historisch geprägtes Lebewesen.

Einstellungen und Verhaltensweisen aller Menschen sind zu einem großen Anteil historisch geprägt, stammen also aus den Lebensumständen und Erfahrungen vergangener Jahre. Sie sind Einlagerungen vergleichbar, die sich sowohl körperlich als auch geistig ausdrücken können. Yoga versucht in seiner Praxis, diese Einlagerungen aus dem unbewussten Nebel in bewusstes Erleben empor zu heben und damit die Grundlage für eine mögliche Veränderung zu schaffen. Diese Grundlage wird im traditionellen Wortgebrauch des Yoga „Reinigung“ genannt.

Anders als in esoterischen Anschauungen glaube ich nicht an die Möglichkeit, seelisch geistige Elemente mit reiner Körper- oder Atemarbeit verändern zu können. Die körperliche Praxis ist lediglich in der Lage, Stimmungen zu glätten (Atemarbeit) und muskuläre Verspannungen zu beseitigen. Diese können zwar, müssen aber nicht zwangsweise geistig-seelischen Ursprungs sein. Es ist also mehr von einer Ausgleichsmöglichkeit als wirklicher Veränderung zu sprechen. Auch der Raubbau der körperlichen Ressourcen ist natürlich ein gerne gelebtes Motiv. Wirkliche Veränderungen sind meiner Ansicht nach der Meditation vorbehalten, und dieses auch nur über den Umweg der Bewusstwerdung der zugrunde liegenden Motivationen.

Alle nicht-physischen Anteile des Menschen beruhen auf energetischen Prinzipien.

Die Definition Energie, die hier in Verbindung mit Yoga gemeint ist, steht in der griechischen Philosophie als Energeia oder das polare Paar aus Akt und Potenz. Wenn man z.B. von einer gelebten Einstellung ausgeht und diese als eine Energie betrachtet, so ist ihr Ausdruck jetzt ein Akt, aber sie enthält aufgrund ihrer Polarität auch die Potenz, sich ganz anders ausdrücken zu können. Wird diese Potenz bewusst erfahren, können auch tiefe Prägungen verlassen, verändert oder geglättet werden. Die Praxis des Yoga ist eine Methode, diese Bewusstheit herbeizuführen.

Yoga kann nur über die Gesamtheit aller Praktiken (Körper-, Atemarbeit, Meditation) den Zustand herbeiführen, in dem spürbare Veränderungen einer bestehenden Konvention erreicht werden können. Dazu gehört entgegen allgemeiner Auffassung ein gesundes, hochentwickeltes Selbstvertrauen, Mut, Kreativität und ein Wille, der auch gegen innere Widerstände anzugehen bereit ist. Selbstaufgabe und Fatalismus sind dazu nicht geeignet. Bewusstsein ist der Schlüssel, der selbst tief geprägte Vor- und Einstellungen zu verändern vermag.

Die Welt des Menschen gehorcht weder rein dualen noch rein linearen Gesetzen, sondern sie muss überwiegend systemisch gedacht werden.

In westlichem Gedankengut wird in aller Regel von einer Ursache auf eine Wirkung geschlossen, und letztere, wenn sie vermehrt auftritt, wird als eine Gesetzmäßigkeit angesehen. Dieser Gedankenzug ist dem Yoga fremd. Die Ausführung einer Übung bringt niemals nur definierbare Wirkungen hervor, sondern beeinflusst immer das System Mensch in der Gesamtheit seiner jetzigen Struktur. Da die Menschen sehr verschieden sind (Gestalt, Einstellung, Prägung), sind auch die Wirkungen sehr verschieden und können nur schwer vorhergesagt werden. Erfahrene Lehrer raten daher stets zu vorsichtigem Üben.

Das bedingt, dass die Wirkung einer Übung nicht vorausgesagt werden kann, ohne den Übenden zu kennen. Im Unterricht biete ich daher überwiegend Werkzeuge, Methoden, und Hinweise an, mit denen der Schüler die Selbstbeobachtung erweitert und mit denen die Kommunikation zwischen Lehrer und Schüler vertieft werden kann. Erst nach langer gemeinsamer Arbeit, dazu zählt neben einer regelmäßigen Teilnahme an den Übungsstunden auch und besonders der Einzelunterricht, sind weiterführende Einschätzungen sinnvoll und möglich.

Meditation ist ein wesentlicher Bestandteil des Yogasystems

Alle im Yoga praktizierten Übungsformen weisen auf die Meditation hin. Diese Fähigkeit ist der Schlüssel zu einer erfolgreichen Arbeit am eigenen Selbst. Das eigene Selbst wiederum kann als das Wissen um den Standort bezeichnet werden, den ein Mensch als Person innerhalb des Konventionengeflechtes seiner Existenz einnimmt. Kennt der Mensch diesen Standort, kann er ihn auch verlassen, verändern oder weiter entwickeln. Die Meditation ist daher als eine Methode zu sehen, mit der eine Standortbestimmung vorgenommen werden kann. Eine weitere Methode dieser Art ist die Philosophie, nur verwendet diese statt Bilder und Wahrnehmungen Worte und Anschauungen als Medium der Erkenntnis.

In der Stille des Sitzens in Meditation werden die Impulse erstmalig wahrgenommen, die konventionelle Prägungen beständig abstrahlen. Gleisen ähnlich, auf denen die Wagen des Lebens sich vorwärts bewegen, bedrängen sie den Meditierenden, der diesen Impulsen während seiner Meditation ja nicht zu folgen imstande ist. Diese Konstruktion in der Übungspraxis macht diese Impulse erstmals bewusst, schafft das Wissen um deren Wirksamkeit und zeigt unmittelbar mögliche neue Wege auf. Intuition, früher als Eingebung einer Gottheit angesehen, kann so ganz anders begründet werden.